Aktuelles Darmgesundheit

Mikrobiom und Langlebigkeit

Unser Mikrobiom trägt nicht nur zu Gesundheit und Wohlbefinden bei, es kann auch die körperliche Fitness und die geistige Leistungsfähigkeit verbessern und hat sogar Einfluss auf die Langlebigkeit.
Wir werden im Durchschnitt viel älter, als unsere Großeltern oder Urgroßeltern und jedes Kind hat heute statistisch eine deutlich höhere Lebenserwartung als seine Eltern. Aber wie sieht es mit Fitness und Gesundheit aus? Was unterscheidet Menschen, die auch mit 70, 80 oder 90 noch topfit sind von denen, die schon im jungen oder mittleren Lebensalter Vitalitätseinbußen hinnehmen müssen?

Die Erkenntnisse über unser Mikrobiom als potentieller Alterungsbeschleuniger oder auch als „Anti-Aging-Mittel“- je nachdem, wie gut es den Mikroorganismen in unserem Verdauungstrakt geht – sind noch recht neu. Doch Darmbakterien sind in ganz viele Vorgänge im Körper verwickelt, vor allem in solche, von denen bekannt ist, dass die unsere Gesundheit und unser biologisches Alter beeinflussen: Entzündungen, aggressive Stoffwechselprodukte wie freie Radikale, hohe Blutzuckerspiegel, ein schwächer werdendes Immunsystem oder ein Rückgang der Hormonproduktion. Studien zeigen aber auch, dass Alterung keine gerade Straße ist, auf der wir mit immer gleicher Geschwindigkeit entlangrollen. Unser Mikrobiom kann dazu beitragen, das Tempo der Alterung zu drosseln.

100-Jährige mit Anti-Aging-Bakterien

Nicht bei allen Senioren verschlechtert sich der Zustand des Mikrobioms automatisch. Vor allem Menschen, die im hohen Alter von 90, 95 oder 100 noch rüstig und vital sind, scheinen davor gefeit zu sein. Sie besitzen auch in späteren Jahren eine „jüngere“ Darmflora als Gleichaltrige und sogar als manche Menschen mittleren Alters. Das Zauberwort heißt „Bakterienvielfalt“. Je bunter und abwechslungsreicher es im Darm der Senioren zugeht, desto besser ist es um deren Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Langlebigkeit und Wohlbefinden bestellt.

Man vermutet deshalb, dass bestimmte Bakterienstämme nicht nur die Darmflora, sondern auch deren Besitzer in Form bringen. Die Geheimnisse der Hochaltrigen heißen Ruminococcus, Eubacterium limosum, Akkermansia muciniphilia, Faecalbakterium oder Christensenella. Diese Anti-Aging-Bakterien, von denen Hundertjährige in Asien oder Italien auffallend viele im Darm hatten, sind vor allem Butyrat- und Propionatbildner.

Besonders spannend für Hochaltrige scheint ein bestimmtes Bakterium zu sein: Bis zu zehnmal mehr Eubacterium limosum kreuchen und fleuchen im Darm von fitten Hundertjährigen. Diese Keime zersetzen Ballaststoffe. Die daraus entstehenden Stoffwechselprodukte wirken sich dann positiv auf Fitness und Gesundheit aus. Bei einer Low-Carb-Ernährung mit einem hohen Eiweißanteil nimmt die Gruppe dieser Eubakterien ebenso wie die anderer Butyratproduzenten ab.

Doch es gibt auch Keime, die Alterungsvorgänge eher beschleunigen. Ein reichliches Vorkommen von Eubacterium dolichum und Eggerthella lenta gingen mit einem größeren Risiko für Altersschwäche und Gebrechlichkeit einher. Ähnlich negativ wirkte sich ein Mangel an Faecalbacterium prausnitzii aus. Ob Sie diese Bakterien im Darm haben oder nicht, können Sie mit Hilfe einer Mikrobiomanalyse testen.

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All diese spannenden Erkenntnisse aus der Mikrobiomforschung lassen den Schluss zu, dass es sinnvoll ist, sich rechtzeitig um eine gesunde Darmflora zu bemühen und diese möglichst langfristig in einem Top-Zustand zu halten.

Wie bleibt man lange jung und dynamisch?

Lassen Sie sich von Ihrer Darmflora dabei unterstützen, denn Ihr Mikrobiom kann

  • alterungsbeschleunigende Entzündungen „löschen“ oder „anfachen“Chronische Entzündungen fördern über unterschiedliche Mechanismen Alterungsvorgänge und erhöhen das Risiko für Falten, Übergewicht, Gefäßverkalkung und vorzeitiges Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit. Diese Zusammenhänge werden oft als „Entzündungsaltern“ bzw. „Inflammaging“ (Inflammation = Entzündung, Aging = Altern) bezeichnet. Entzündungen stehen häufig in Verbindung mit einer geringen bakteriellen Vielfalt und einer Störung der Darmflora. In unserem Darm leben Bakterien, die Entzündungen abschwächen können und solche, die Entzündungen anfachen. Die Zusammensetzung der Darmflora tendiert im Alter, nach so genannten „Darmreinigungskuren“ oder durch ballaststoffarme Ernährung verstärkt in Richtung Entzündung. Doch man kann dem Entzündungsaltern auch die Stirn bieten. Zahlreiche probiotische Bakterien vor allem Bifidobakterien und Lactobazillen, aber auch butyratbildende Keime haben ihre entzündungshemmenden Fähigkeiten bereits unter Beweis gestellt und können gezielt eingesetzt werden. Daneben wirken auch Omega-3-Fettsäuren (enthalten in fettem Fisch, Raps- oder Leinöl), Kurkuma und Ingwer sowie Antioxidantien entzündungshemmend und fördern gleichzeitig eine gesunde Darmflora
  • Antioxidantien produzieren, die freie Radikale abfangen. Freie Radikale sind aggressive Moleküle, die Tag für Tag in unserem Stoffwechsel entstehen oder durch den Lebensstil gefördert werden. Übersteigt deren Menge eine gewisse Schwelle, entstehen Schäden an den Zellmembranen oder der Erbsubstanz. Man spricht dann auch von „oxidativem Stress“ und der spielt bei zahlreichen Krankheiten eine Rolle und macht auch schneller alt. Schutzstoffe, die Freie Radikale abfangen, heißen Antioxidantien. Diese tollen Substanzen können unserer Darmbakterien selber bilden oder wir nehmen sie mit dem Essen zu uns. Menschen mit vielen Antioxidantien im Blut haben nachweislich weniger Falten und sehen für ihr Alter jünger aus. Bestimmte Pflanzenstoffe, so genannte Polyphenole zählen zu den besonders wertvollen Antioxidantien, denn sie wirken sich günstig auf Herz-, Hirn- und Hautalterung aus. Allerdings müssen diese erst durch das Mikrobiom für uns Menschen nutzbar gemacht werden, sonst landen sie wirkungslos in der Toilette. Die Effekte einer gesunden Ernährung lassen sich demnach nur mit einer gesunden Darmflora voll und ganz ausschöpfen. Milchsäure- und Bifidobakterien produzieren Schutzenzyme, die freie Radikale abfangen und sie können auch selbst Antioxidantien (ähnlich denen aus Obst und Gemüse) bilden. Daneben reduzieren sie Entzündungen und vermindern dadurch indirekt die Neubildung freier Radikale. Studien ergaben, dass die Einnahme von Lactobacillus fermentum, Lactobacillus gasseri, Streptococcus thermophilus, Bifidobacterium infantis oder Bifidobacterium longum die antioxidative Fähigkeit von Blut und Haut verbessert und hilft, sich erfolgreich gegen freie Radikale zu behaupten.
  • lebenswichtige Vitamine wie Vitamin B 6, B 12, Vitamin K, Folsäure und Biotin herstellen. Vitamin B 6 ist wichtig für den Fettstoffwechsel und die Bildung von Nervenbotenstoffen. Außerdem beeinflusst B6 die Hormonproduktion. Vitamin B 12 hält unsere Gefäße elastisch und sorgt für gesunde Nerven, es ist notwendig für Blutbildung und Entgiftungsvorgänge. Milchsäurebakterien und Bifidokeime produzieren Folsäure und B-Vitamine. Vitamin K ist wichtig für die Blutgerinnung. Außerdem stärkt es die Knochen und schützt vor Osteoporose. Bifidobakterien und Bacteroideskeime zählen zu den Vitamin K -Bildnern. Biotin wird auch „Vitamin H“ genannt. „H“ steht dabei für Haut und Haare, denn Biotin sorgt für einen strahlenden Teint, feste Fingernägel und dichtes, glänzendes Haar. Vor allem Bacteroidetes sind gute Biotin-Produzenten.
  • den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Je nachdem, wie die Darmflora aufgestellt ist, schleust sie mehr oder weniger Zuckermoleküle aus der Nahrung in unser Blut. Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel beschleunigt Haut- und Organalterung. So werden auf Fotos Menschen mit einem höheren Blutzuckerspiegel deutlich älter geschätzt als Gleichaltrige, deren Blutzuckerspiegel im Normbereich liegt. Süßstoffe sind hier aber keine Lösung. Studien haben gezeigt, dass verschiedene Süßstoffe, die eigentlich keine Kohlenhydrate und somit auch keinen Zucker liefern, unsere Darmflora dennoch so verändern können, dass sie aus der täglichen Nahrung mehr Zucker rausholt. Der Blutzuckerspiegel steigt an. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Darmbakterien, die den Blutzucker in Schach halten. Dazu gleich mehr.
  • Hormonwerte regulieren und Hormone produzieren. Hormone sind wichtige Anti-Aging-Stoffe. Sie kontrollieren unseren Stoffwechsel, formen die Figur, unterstützen die Fitness, halten unsere grauen Zellen fit und die die Haut straff. Doch mit den Jahren geht die Produktion der Botenstoffe bei Männern wie bei Frauen zurück. Und das betrifft nicht nur die Geschlechtshormone. Im Laufe des Lebens gerät das Gleichgewicht der Botenstoffe oft in eine Schieflage. Das Mikrobiom kann diesen Rückgang zwar nicht verhindern, aber hier und da regulierend eingreifen und dafür sorgen, dass die wichtigsten Botenstoffe in unserem Körper gut ausbalanciert sind. Das wirkt sich günstig auf unser Wohlbefinden aus – egal wie alt wir sind. Die Darmflora reguliert die Bildung von Schilddrüsenhormonen, bremst die Stresshormonproduktion, indem sie überreizte Hirnareale beruhigt, sie reguliert Enzyme, die Hormone freisetzen oder abbauen. So sind Milchsäurebakterien, vor allem Lactobacillus acidophilus und Bifidokeime, dafür verantwortlich, wie viele freie und somit nutzbare Geschlechtshormone unserem Körper zur Verfügung stehen. Durch die Blockade von Enzymen im Darm sorgen sie für ein gesundes Verhältnis zwischen Östrogenen und Progesteron und können dadurch hormonelle Schwankungen und Dysbalancen ausgleichen. Auch für Männer gibt es eine gute Nachricht: Zumindest in Tierversuchen war der Keim Lactobacillus reuteri in der Lage, die hormonelle Alterung zu bremsen. Erhielten die Mäuse Bakterien, blieb ihr Testosteronspiegel auch im Alter auf dem hohen Niveau junger Tiere.
  • die Darmbarriere stärken und reparieren. So verhindert ein gesundes Mikrobiom ein „leaky gut“ Syndrom (Syndrom des „löchrigen“ Darms) und senkt dadurch das Risiko für chronische Entzündungen, neurologische Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen und Allergien. „Löchriger Darm“ bedeutet, dass Durchlässigkeit der Darmschleimhaut krankhaft erhöht ist. Das leaky gut Syndrom spielt sich zwar nur auf mikroskopischer Ebene ab, das heißt, man kann es bei einer Darmspiegelung nicht sehen. Dennoch hat die schwache Darmbarriere Folgen für die Betroffenen. Gefördert wird das Leaky gut Syndrom unter anderem durch Fehlbesiedlung des Darmes und eine zu ballaststoffarme Ernährung. Studien lassen vermuten, dass bei sensiblen Personen auch Gluten den Darm durchlässiger machen kann, vor allem, wenn große Mengen davon verzehrt werden.