Aktuelles Darmgesundheit

Darmreinigung schädigt die Darmflora nachhaltig

Jede Form der Darmreinigung, egal durch Einläufe oder mit Hilfe von Abführmitteln wie Glaubersalz schädigt die Darmflora messbar. Jede Art der „Darmreinigung“ sollte deshalb – wann immer möglich – vermieden werden. Ist eine Darmreinigung vor einer Darmspiegelung (Koloskopie) notwendig, dann sollte anschließend das Mikrobiom durch die Einnahme probiotischer Bakterien und präbiotischer Ballaststoffe wieder aufgebaut werden.

Unser Darm stellt das artenreichste und das am dichtesten besiedelte Biotop der Erde dar. Vielfalt, also das Vorkommen zahlreicher, unterschiedlicher Mikroorganismen ist ein wichtiger Marker für einen gesunden Darm, denn nützliche Darmbakterien „kümmern“ sich um die Gesundheit des Darms, der Darmschleimhaut und der Darmbarriere und verwerten gleichzeitig unverdauliche die Ballaststoffe. „Schlacken“ und „Abfallstoffe“ fallen deshalb in einem gesunden Darm nicht an.      

Der Darm ist kein Arbflussrohr

Dennoch hält sich hartnäckig der Gedanke, der Darm sei eine Art „Abflussrohr“, das regelmäßig durchgespült werden müsse, um zu funktionieren oder gesund zu bleiben. Für diese Darmreinigung werden Kuren mit Glaubersalz (Glaubern), Kolonhydrotherapien, Darmspülungen oder andere Arten von Einläufen empfohlen. Doch aktuelle Studien zeigen, dass dadurch das Mikrobiom nachhaltig beschädigt wird. Hätten unsere Helfer im Darm eine Stimme, würden sie laut um Hilfe schreien, denn diese Form der „Darmpflege“ bringt das Leben im Verdauungstrakt ganz schön durcheinander. Man kann das vergleichen mit einer Wohnung, die man mit Hilfe eines Dampfdruckreinigers „aufräumt“. Danach ist der Zustand der Räume nicht besser, sondern die Einrichtung ist erst einmal hinüber und Möbel und Teppiche müssen neu gekauft werden. Ähnlich sieht es auch im Darm aus, der mit Hilfe von Abführmitteln und Spülungen „gereinigt“ werden soll.

Darmreinigungen haben so negative Auswirkungen auf die Darmflora wie eine langfristige Antibiotikatherapie. Denn – ähnlich wie Antibiotika – unterscheiden auch Abführmittel und Darmspülungen nicht zwischen Freund und Feind und dezimieren die guten wie die schlechten Keime gleichermaßen.

Verarmung des Mikrobioms

Bei der Darmreinigung werden mit der Flüssigkeit nicht nur Stuhlreste, sondern vor allem immense Mengen an gesunden Bakterien ausgespült. Veränderungen findet man danach bei ganz unterschiedlichen Bakterienstämmen im Darm. In einer Studie ließ sich nachweisen, dass kurz nach dem Abführen mit Glaubersalz bzw. Polyethylen-Glykol (PEG) die Keimzahl um das 31-fache (!!) gesunken war. Bei jedem Fünften waren die Veränderungen der Darmflora so ausgeprägt, dass die für jeden Menschen charakteristische, individuelle Zusammensetzung der Darmflora zumindest vorübergehend komplett zerstört war.

Kurz nach einer Darmreinigung findet man deutlich weniger der guten und hilfreichen Bacteroidetes, Bifidobakterien, Milchsäurestämme sowie anderer darmfreundlicher Vertreter. Dafür nehmen Proteobakterien und Enterobakterien zu. Diese Konstellation schaltet im Darm alle Hebel auf Entzündung. Und diese Veränderungen begünstigen, wenn sich die Darmflora nicht wieder rasch erholt, Übergewicht, Reizdarm, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und möglicherweise auch Allergien, Autoimmunerkrankungen und andere Entzündungen im Körper. Denn mit der Flüssigkeit werden nicht nur Stuhlreste, sondern vor allem immense Mengen an gesunden Bakterien ausgespült. Dadurch kommt es bei ganz unterschiedlichen Bakterienstämmen im Darm zu negativen Veränderungen.

Nach einem Monat noch Lücken im Mikrobiom

Selbst einen Monat später war das ursprüngliche Mikrobiom noch nicht wieder völlig hergestellt. Bei insgesamt acht Bakteriengattungen entdeckten die Wissenschaftler auch nach dieser Zeit noch deutliche Abweichungen.

Vermehrung schädlicher Darmbakterien

Alleine durch das Abführen gewinnen also unerwünschte Keime einen deutlichen Vorsprung. Doch nun werden die Karten im Darm neu gemischt. Plätze sind frei geworden, die es zu besetzen gilt. Das Rennen machen die Mikroben, die sich nun besonders gut durchsetzen können und die in den nächsten Tagen die besten Bedingungen vorfinden. Wer nun nach dem Glaubern auch noch fastet und mehrere Tage oder Wochen keine präbiotischen Ballaststoffe aufnimmt, der stellt dem gesunden Mikrobiom in diesem Wettlauf ein Bein. Denn jetzt benötigen die Helfer im Darm selber Hilfe. Sie brauchen präbiotische Nahrungsbestandteile, um sich gut zu entwickeln und vielleicht doch noch eine Chance zu haben, entstandene Lücken zu besetzen. Zwingen wir uns nach dem Glaubern zum Fasten, zwingen wir die Darmflora in die Knie.

Wer nach dem Glaubern fastet, muss Darmbakterien und Präbiotika zuführen

Auch die Wiener Forscherin Marlene Remely konnte nach dem Abführen vor einer Fastenkur einen Anstieg von Entzündungskeimen feststellen. Anschließend ließ sie die freundlichen Mikroorganismen jedoch nicht alleine, sondern verabreichte den Fastenden probiotische Keime. Nach einiger Zeit ließ sich dadurch nachweislich die beschädigte Darmflora wieder regenerieren.

Fazit: 

  • Prinzipiell gilt: Das „Durchspülen“ macht die Situation im Darm nicht besser, sondern schlechter. Keime, die Übergewicht und Entzündungen fördern, nehmen anschließend Überhand. Außer zu diagnostischen Zwecken im Rahmen einer Darmuntersuchung sollte man um alle Formen der Darmreinigung einen großen Bogen machen – zum Wohle einer vielfältigen, gesunden und stabilen Darmflora
  • Wenn man zum Beispiel zur Vorbereitung einer Darmspiegelung, abführen muss, sollte durch die Einnahme von Pro- und/oder Präbiotika anschließend die Regeneration der Darmflora unterstützt werden.
  • Direkt nach dem Abführen ist der Darm zudem besonders empfänglich für die Neuaufnahme pathogener, also krankheitsverursachender Keime. Während einer Fastenkur ist es deshalb sinnvoll, die Etablierung einer gesunden Darmmikrobiota durch eine darmfreundliche Ernährung und Probiotika zu fördern.

Quellen:

Gorkiewicz G, Thallinger GG, Trajanoski S, Lackner S, Stocker G, Hinterleitner T, et al. (2013) Alterations in the Colonic Microbiota in Response to Osmotic Diarrhea. PLoS ONE 8(2): e55817 https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0055817

Jalanka, J., Salonen, A., Salojärvi, J. et al. (2015) Effects of bowel cleansing on the intestinal microbiota. Gut 64: 1562–1568 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25527456

Remely, M., Hippe, B., Geretschlaeger, I. et al (2015) Increased gut microbiota diversity and abundance of Faecalibacterium prausnitzii and Akkermansia after fasting: a pilot study. Wien Klin Wochenschr. 127(9-10):394-8 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25763563

Frei P, Rogler G (2017) Darm-Detoxifikation: Mythos oder sinnvolle Therapie? Schweiz Z Ganzheitsmed 29:141-143 https://www.karger.com/Article/FullText/475585