Ohne Darmflora keine Abwehr

Um zu verstehen, welche Bedeutung die Darmflora für eine gesunde Funktion des Immunsystems haben, muss man sich zunächst anschauen, was mit dem Abwehrsystem passiert, wenn die Bakterien fehlen. Untersuchungen an keimfreien Nagern zeigten, dass das Immunsystem ohne Keimunterstützung ziemlich schlappmacht.

Damit die Versuchstiere – meistens sind es Mäuse – wirklich nie mit Keimen in Berührung kommen, werden sie steril von ihren Mäusemüttern entbunden, dann in sterilen Käfigen gehalten und lebenslang nur mit keimfreiem Futter versorgt. Die Auswirkungen auf das Abwehrsystem des Körpers sind verheerend. Diese keimfreien Tiere haben zahlreiche immunologische Defizite. Sie bilden deutlich weniger Immungewebe aus, ihre Lymphknoten sind kleiner und weniger leistungsfähig, und sie produzieren viel weniger Abwehrstoffe (Antikörper). Ihre Darmzellen bilden kaum Verteidigungsmoleküle (Defensine) gegen unerwünschte Eindringlinge wie Salmonellen oder Pilze. Werden diese Mäuse dann mit einzelnen schädlichen Keimen konfrontiert, verlaufen die Erkrankungen deutlich schwerer und mehr Tiere sterben selbst an harmlosen Infekten.

Mäuse mit einer gesunden Darmflora sind hingegen in der Lage, die Krankheitserreger wirkungsvoll zu bekämpfen, ohne dass ihr Immunsystem dabei überreagiert und schlimme Entzündungen auslöst. Sie können die Reaktionen ihres Immunsystems dem Anlass entsprechend richtig dosieren und veranlassen weder eine übertriebene noch eine zu geringe Abwehraktivität.

Man kann davon ausgehen, dass es nicht nur bei Mäusen, sondern auch beim Menschen möglich ist, die Abwehrkräfte über den Darm zu beeinflussen. Denn nicht jeder verfügt über ein starkes Immunsystem. Da gibt es solche, die ständig erkältet sind und bei jeder Reise in südliche Gefilde mindestens einmal „Magen-Darm“ bekommen und andere, die sich durch türkische Eisdielen und thailändische Garküchen schlemmen und dabei eine erstaunliche Widerstandskraft gegenüber drohenden Reisedurchfallerkrankungen zeigen.

Mithilfe von probiotischen Keimen ließ sich in verschiedenen infektanfälligen Gruppen (Kinder, Leistungssportler, Senioren, Tropenreisende) die Erkrankungshäufigkeit deutlich senken.

Daneben bietet eine gesunde Darmflora auch eine sogenannte Kolonisations-Resistenz. Denn Salmonellen, Shigellen, Listerien und wie die fiesen Durchfallkeime alle heißen, müssen sich erst mal in unserem Darm ausbreiten, um eine Krankheit hervorzurufen. Steht dort aber eine Reihe schlagkräftiger Schutzbakterien parat, macht diese den Eindringlingen im Handumdrehen Beine.

Inzwischen hat man festgestellt, dass Darmbakterien sogar im Kampf gegen Krebs hilfreich sein können und dass viele Chemotherapeutika und auch die neuen Immuntherapien gegen Tumore nur dann helfen, wenn das Mikrobiom gut aufgestellt ist. Bei Mäusen mit schwarzem Hautkrebs ließen sich die Therapieeffekte verbessern, wenn die Darmflora der Tiere reich an Bifidobakterien war. Auch viele Bacteroidetes im Darm scheinen die körpereigene Abwehr gegen Tumorzellen scharfzumachen. Die meisten Daten über die Zusammenhänge zwischen Krebs und Darmflora wurden bisher in Tierversuchen gewonnen. Doch inzwischen gibt es auch vielversprechende Hinweise auf Parallelen beim Menschen.

So scheinen Patienten mit Blutkrebs, in deren Därmen sich besonders viele Bakterien der Art Eubacterium limosum tummeln, besser vor einem Fortschreiten der Erkrankung oder vor Rückfällen geschützt zu sein, als Leukämiekranke, in deren Darmflora der Keim fehlt.

Literatur:

Round, J. L., Mazmanian, S. K. (2009) The gut microbiome shapes intestinal immune responses during health and disease. Nat Rev Immunol. 9(5): 313–323 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19343057

Sivan A, Corrales L, Hubert N (2015) Commensal Bifidobacterium promotes antitumor immunity and facilitates anti-PD-L1 efficacy. Science 350(6264):1084-9 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26541606

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