Darmbakterien und Probiotika – neue Erkenntnisse, neue Behandlungsmöglichkeiten!

„Zu lange wurde das gesundheitliche Potenzial unseres Darms nicht realisiert. Gerade in jüngster Zeit hat die Wissenschaft viele neue Erkenntnisse gewonnen, die beweisen, wie wichtig die Interaktion von Mikroflora, Probiotika und Darmschleimhaut für unsere Gesundheit ist. Wir sind der Überzeugung, dass die Forschung jetzt so gesichert ist, dass sie für medizinische Praktiker und Öffentlichkeit relevant ist.“, so Prof. Stephan C. Bischoff, Vorsitzender der DGMIM.

Mikrobiota und darmassoziiertes Immunsystem –  Schlüssel für viele „Volkskrankheiten“?!

Immer mehr Details zu den Zusammenhängen von Mikrobiota und mukosalem Immunsystem werden erforscht. Die bakterielle Artenvielfalt im Darm unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. So unterschiedlich die Bakterienauswahl im Darm ist, einen gemeinsamen Nenner gibt es: das Core-Mikrobiom – Bakteriengene, welche unabhängig zur Zugehörigkeit zu einer gewissen Bakterienart in allen Darmmikroben dominant und für Stoffwechselfunktionen nötig sind. Dieser genetische „Core“ (engl. für Kern) übernimmt für den Menschen wichtige Aufgaben, wie die Aufspaltung von Nährstoffen, zum Beispiel bei komplexen pflanzlichen Kohlenhydraten, für deren Aufspaltung dem Menschen selbst die entsprechenden Enzyme fehlen. Die Darmflora ist somit ein wichtiger Faktor für den menschlichen Metabolismus. Darüber hinaus lassen sich drei Enterotypen erkennen: der  Bacteroides-, der Prevotella- und der Ruminokokken-dominierte Typ. Warum sich bestimmte Bakteriengattungen vermehrt im Darm ansiedeln, ist noch nicht eindeutig zu sagen. Unterschiedliche Bakterien haben spezifische Eigenschaften und Fähigkeiten. Bakterien der Gattung Bacteroides können beispielsweise vor allem die Vitamine C, B2, Pantothensäure und Biotin herstellen. Prevotella dagegen überwiegend Vitamin B1 und Folsäure. Der Schluss liegt nahe, dass der Enterotyp deshalb die Vitamin-Versorgung des Körpers beeinflusst. Welche gesundheitlichen Konsequenzen sich daraus genau ergeben, muss weiter erforscht werden. Weitere spannende Fragen sind offen: Bedingen die Enzyme der Bacteroide zum Beispiel, dass ein Mensch ein guter „Futterverwerter“ ist, da diese komplexe Kohlenhydrate besser aufspalten? Erhöhen Prevotella die Neigung zum Reizdarmsyndrom, da sie den Mukus zersetzen? Fördert Ruminoccocus die Absorption von Glukose und beeinflusst dadurch den Blutzuckerspiegel? Inwieweit also der Bakterien-Enterotyp über die Gesundheit des Wirtes entscheidet, ist ein höchst spannender und zukunftsweisender Forschungsbereich. Wissenschaftler hoffen, dass es in Zukunft möglich sein wird, die drei Enterotypen durch gezielte Diäten, zum Beispiel durch die Gabe bestimmter Probiotika, beeinflussen zu können. Ein wissenschaftlicher Durchbruch auf diesem Gebiet hätte eine immense Tragweite: Ob Adipositas oder Diabetes, Arteriosklerose oder Rheuma, Autismus oder Depression – bei all diesen Krankheitsbildern, gibt es Hinweise, dass Darmbakterien bei der Entstehung bzw. bei Prävention und Therapie eine Rolle spielen könnten.

Adipositas

„Für etwa 10% der Energieaufnahme sind die im Darm angesiedelten Bakterienstämme verantwortlich. Das reicht aus, um Dicke zu Dünnen zu machen und Dünne zu Dicken.“, so Prof. Bischoff. Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Mikrobiota im Darm bieten vielversprechende Ansätze im Kampf gegen Adipositas und die damit assoziierten Folgeerkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ 2, kardiovaskuläre Erkrankungen und Fettstoffwechselstörungen. Neben Überernährung und Bewegungsmangel – den Hauptursachen für die Entstehung der Fettsucht – rückt jetzt verstärkt der Darm und seine Flora ins Blickfeld. Zum einen gibt es in der Flora von Übergewichtigen mehr Enzyme, die Stärke und andere Polysaccharide spalten. Diese Änderung des metabolischen Potenzials bewirkt, dass mehr Energie aus der Nahrung gewonnen werden kann. Zum anderen gehen sowohl Adipositas als auch Adipositas-assoziierte Erkrankungen mit einer subklinischen Entzündung einher. Diese hat ihre Ursache in einer gestörten Darmbarriere, die es pathogenen Keimen ermöglicht, durch die Darmwand zu dringen. Im Körper lösen sie dann eine Entzündung aus. Das Funktionieren der Darmbarriere wird wiederum stark von der Darmflora beeinflusst. Ist die Darmflora gestört, kann die Darmbarriere nicht richtig funktionieren. Somit stellen die bakterielle Darmflora und die gastrointestinale Barriere einen wichtigen Ansatzpunkt für innovative Therapieansätze zur Behandlung der Adipositas und Adipositas-assoziierter Folgeerkrankungen dar. Der Verzehr von bestimmten Prä- und Probiotika kann die Zusammensetzung der Darmflora modulieren. In Zukunft wird es vielleicht möglich sein, Adipositas und ihren Folgen durch den gezielten Einsatz von Probiotika entgegenzuwirken.

Reizdarmsyndrom

Nach aktuellem Wissensstand sind 10-20% der Bevölkerung vom Reizdarmsyndrom RDS betroffen, wobei mehr Frauen als Männer unter ihm leiden. Damit ist RDS eine der häufigsten chronischen gastrointestinalen Erkrankungen. Umso bedeutender ist die aktuell erschienene Leitlinie Reizdarmsyndrom, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Sie definiert die Kriterien für die Erkrankung neu und gibt Ärzten eine genaue Handlungsempfehlung bei der Diagnose und Therapie. Erstmalig empfiehlt die neue Leitlinie die Gabe von Probiotika als eine evidenzbasierte Therapieoption bei RDS. Den positiven Effekt unterstrich auch Prof. Eduard Stange auf der Fortbildungsveranstaltung der DGMIM: „Es ist keine Frage mehr, dass Probiotika beim Reizdarm wirken.“ Aktuellen Studien zufolge liegt beim Reizdarmsyndrom oft eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora vor. Probiotika – definierte lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge in aktiver Form in den Darm gelangen – können diese Störung positiv beeinflussen. Dies haben mehrere randomisierte kontrollierte Studien nachgewiesen.

Quelle: www.dgmim.de

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