Aktuelles Darmgesundheit

Antibiotika verändern Darmflora und begünstigen Übergewicht

Bis zum 18. Lebensjahr hat ein amerikanisches Kind 10- bis 20-mal eine Antibiotika Kur erhalten und bei uns sieht es nicht viel anders aus. Dadurch werden Krankheitserreger nicht nur resistent gegen diese Arzneimittel. Alles deutet darauf hin, dass der zu häufige Antibiotikaeinsatz auch die Entstehung von Übergewicht fördert.

Im Prinzip sind Antibiotika sind ein Segen der Medizin. Seit 1942 der erste Patient Penizillin erhielt, konnten diese Medikamente viele Tausende Leben retten und gefährliche Seuchen ausrotten. Doch inzwischen ist der Einsatz von Antibiotika nicht mehr nur lebensbedrohlichen Erkrankungen vorbehalten, sondern wird unbedacht und viel zu großzügig und sorglos auch bei banalen Krankheiten wie einfachen Erkältungen eingesetzt.

Antibiotika mästen Nutztiere

Antibiotika greifen stark und nachhaltig in das Bakteriengleichgewicht der Darmflora ein, denn sie unterscheiden in der Regel nicht zwischen Freund und Feind. Doch Antibiotika haben noch andere Eigenschaften, die sich Landwirte jahrzehntelang gerne zunutze machten: Antibiotika können dick machen. Seit den 1950er-Jahren wurden niedrig dosierte Antibiotika in der Landwirtschaft auch eingesetzt, um Nutztiere zu mästen. Wissenschaftler entdeckten damals, dass niedrig dosierte Antibiotika die „Fütterungseffizienz“ erhöhten. Das bedeutet: Mit Medikamentengabe nahmen die Tiere pro Pfund Futter mehr Gewicht zu. Antibiotika machten sie zu guten „Futterverwertern“. Das machte das Fleisch preiswerter. Warum das allerdings funktioniert, war bisher noch weitgehend unklar.

Darmflora und Übergewicht

Auch bei Menschen, die zu Übergewicht neigen, ziehen die Darmbakterien sehr viel mehr Energie aus dem Essen als bei Schlanken. Durch unsere individuellen Darmkeime werden auch wir zu guten oder schlechten „Futterverwertern“. Ändert sich die Zusammensetzung der Darmbakterien beispielsweise nach einer Antibiotikabehandlung, kann sich auch unser Stoffwechsel ändern. Wie viel Kalorien wir täglich aufnehmen, hängt also nicht nur davon ab, was wir auf dem Teller haben, sondern vor allem davon, wie effektiv unsere Mitbewohner im Darm arbeiten.

So töten Antibiotika nicht nur die gefährlichen Keime, sondern auch die nützlichen, die uns schlank erhalten. Diese Medikamente bewirken quasi einen Kahlschlag im Darmbiotop. Eine Behandlung mit dem Antibiotikum Ciprofloxacin (auch andere Antibiotika wie Vancomycin, Gentamicin u.a. machen das in ähnlicher Weise) schlägt eine große Schneise in den Darmwald. Das Antibiotikum wirkt gegen ein Drittel aller Keime im Darm, reduziert so die Vielfalt ganz enorm und stört die Balance empfindlich. So hinterlässt jede Antibiotikatherapie Lücken im Mikrobiom, die sich nicht immer wieder von selbst schließen. Nur selten ist es möglich, die ursprüngliche Vielfalt rasch wiederherzustellen.

Zusammenhang zwischen Übergewicht, Darmflora und Antibiotika

Mehrere Studien bestätigen die Zusammenhänge zwischen Antibiotikaeinnahme, Störung der Darmflora und einer Gewichtszunahme. US-Wissenschaftler der Universität New York verabreichten Mäusebabys direkt nach der Entwöhnung verschiedene gängige Antibiotika. Allerdings waren die Wirkstoffe nur niedrig dosiert, viel geringer, als sie zur Behandlung von Infektionen nötig wären. Im Vergleich zu Mäusekindern, die keine Antibiotika erhielten, legten die Antibiotika-Mäuse recht schnell an Gewicht zu und der Körperfettanteil stieg viel schneller an. Nach einem halben Jahr ließen sich deutliche Unterschiede feststellen. Und diese beschränkten sich nicht auf Gewicht und Körperfett, sondern auch auf die Zusammensetzung der Darmbakterien.

Darmflora und Stoffwechsel hatten sich bei den mit Antibiotika behandelten Mäusen so verändert, dass sie mehr Kalorien aus den Mahlzeiten ziehen konnten. Selbst wenn die Mäusemütter kurz vor der Geburt Antibiotika erhielten, wurde deren Nachwuchs im Erwachsenenalter häufig übergewichtig. Das scheint auch die Erklärung dafür zu sein, weshalb Antibiotika so wirkungsvoll in der Mast von Nutztieren eingesetzt werden können.

Antibiotika in der Schwangerschaft verändern Darmflora nachhaltig

Diese Zusammenhänge sind nicht nur im Tierversuch feststellbar. Das Gleiche gilt für Schwangere Frauen und deren Kinder. Studien belegen, dass auch bei Müttern durch Antibiotikaeinnahmen während der Schwangerschaft das Mikrobiom der Babys verändern können. Das fand man bei der Untersuchung von mehr als 400 Mutter- und Kind–Paare heraus, die während der Schwangerschaft, im Säuglingsalter und bis zum Kindesalter von sieben Jahren regelmäßig untersucht wurden. Insgesamt 70 Mütter (16%) mussten im zweiten oder dritten Schwangerschafts-Trimenon Antibiotika nehmen. Kinder, die während dieser Phase den Antibiotika ausgesetzt waren, hatten ein 84% höheres Risiko, übergewichtig zu werden, verglichen mit den Kindern, deren Mütter keine Antibiotika erhalten hatten.

Antibiotikagabe im Säuglingsalter – Übergewicht in der Grundschule

Nicht nur Antibiotikaeinnahmen in der Schwangerschaft können das Risiko von späterem Übergewicht steigern. Ähnliche Beobachtungen ließen sich inzwischen in jeder Altersgruppe feststellen. Antibiotika führen zu tiefgreifenden Veränderungen unserer Mikroflora. Nicht nur die Zusammensetzung ändert sich, auch die so wichtige Vielfalt des bakteriellen Lebens geht verloren. Zwar beginnt die Darmflora etwa eine Woche nach Absetzen des Antibiotikums wieder, sich zu regenerieren, aber in den meisten Fällen war die Komposition der Darmkeime auch Monate, manchmal sogar Jahre nach dem Ende anders als vor der Antibiotikabehandlung.

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Die Effekte einer Antibiotikatherapie im frühen Kindesalter scheinen die Ergebnisse der Mäusestudien zu bestätigen. Das Forscherteam stellte nämlich fest, dass Kinder, die in den ersten sechs Lebensmonaten ein Antibiotikum erhielten, mit drei Jahren häufiger übergewichtig waren. Auch Schulkinder hatten häufiger mit Gewichtsproblemen zu kämpfen, wenn sie sehr früh die Medikamente bekamen. Die frühe Kindheit scheint ein besonders sensibles Zeitfenster für die Ausbildung einer gesunden und „schlanken“ Darmflora zu sein. Offensichtlich werden durch die Antibiotikagabe im zarten Alter wichtige Weichen fürs spätere Leben gestellt, die Übergewicht begünstigen.

Antibiotika begünstigen Übergewicht auch im Erwachsenenalter

Doch selbst Erwachsene, die übe rein sehr viel stabileres Mikrobiom verfügen, können nach einer länger dauernden Antibiotikatherapie an Gewicht zu legen. Das gilt vor allem dann, wenn ein Antibiotikum verwendet wurde, das besonders wirksam gegen Keime im Darm vorgeht. So nahm das Risiko für Übergewicht nach einer sechswöchigen Behandlung mit solchen Antibiotika deutlich zu. 48 Männer erhielten eine Antibiotikakombination. 48 gleichaltrige Männer ohne Infektion und Antibiotikagabe dienten als Vergleichsgruppe. In der mit Antibiotika behandelten Gruppe stieg das Gewicht stark und deutlich an. Nach einem Jahr hatten 17 Patienten aus der Antibiotikagruppe ihren Body-Mass-Index um mehr als 10 Prozent gesteigert, fünf der mit Antibiotika behandelten Patienten wurden sogar fettleibig. Jedoch nur ein Teilnehmer aus der Vergleichsgruppe nahm deutlich an Gewicht zu.

Diese Untersuchungen belegen recht anschaulich, welche langfristigen Auswirkungen Antibiotika haben können. Deshalb muss man zwar keine Angst vor einer Therapie mit diesen Medikamenten haben, aber deren Einsatz vielleicht doch im Einzelfall gut überdenken.

Folgende Punkte sollten bei der Einnahme deshalb unbedingt beachtet werden:

  • Antibiotika nur dann einnehmen, wenn Ihr Arzt es Ihnen dringend rät. Nicht jedem Kratzen im Hals, nicht jeder Erkältung muss man gleich mit schwerem Geschütz entgegentreten. Wichtig ist, dass Sie Ihren Abwehrkräften die Chance geben, mit den Krankheitserregern fertigzuwerden.
  • Päppeln Sie nach einer notwendigen Antibiotikatherapie Ihre Darmbakterien ganz besonders gut auf. Verzehren Sie vor allem solche Nahrungsmittel, die das Wachstum der guten Bakterien fördern.
  • Eventuell ist es auch sinnvoll, die Gruppe der guten Darmbakterien durch ein pro- oder synbiotisches Präparat, also ein Medikament, das lebende Darmbakterien und möglichst auch präbiotische Ballaststoffe enthält, zu stärken. Für jede Woche Antibiotikaeinnahme sollten Sie mindestens einen Monat die Darmflora aufbauen.
  • Bevorzugen Sie Biofleisch. Auch wenn es manchmal erheblich teurer ist, hat es doch seine Berechtigung. Selbst kleine Antibiotikaspuren, die in konventionellem Fleisch toleriert werden, können Auswirkungen auf die Darmflora haben.

Quellen

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Dardas, Majd; Gill, Steven, R.; Grier, Alex; Pryhuber, Gloria, S.; Gill, Ann, L.; Lee, Yi – Horng; Guillet, Ronnie: The impact of postnatal antibiotics on the preterm intestinal microbiome. In: Pediatric Research 76 (2014) 2, S. 150 – 158 vii  https://www.nature.com/articles/pr201469?proof=true1

Dethlefsen, Les; Relman, David, A.: Incomplete recovery and individualized responses of the human distal gut microbiota to repeated antibiotic pertubation. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 108 (2011) 1, S. 4554 – 4561 https://www.pnas.org/content/108/Supplement_1/4554

Korpela, K.; Zijmans, M., A., C.; Kuitunen, M.; Kukkonen, K.; Savilahti, E.; Salonen, A.; de Weerth, C.; de Vos, W., M.: Childhood BMI in relation to microbiota in infancy and lifetime antibiotic use. In: Microbiome 5 (2017) 1, S. 1 – 9 https://microbiomejournal.biomedcentral.com/articles/10.1186/s40168-017-0245-y

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